„So wird man das nirgends mehr finden“

Thomas Schmidt über seine Verbindung zu Robert Jungk, die Bibliothek, ihre Chancen für Greifswald und die Straze.


Thomas, du bist mit nach Salzburg gefahren um die Jungk Bibliothek nach Greifswald zu bringen und hast auch in der Kontaktaufnahme mit der Jungk Stiftung eine wichtige Rolle gespielt. Was ist dir wichtig an den Büchern?

Robert Jungk als Mensch hatte eine große Strahlkraft in die Friedens- und Umweltbewegung. Er war bereit geradezustehen für seine Überzeugungen und hat für alternative Energie- und Umweltkonzepte, für neue Wege des Zusammenlebens geworben. Und zwar so, dass man ihn nicht als Spinner abtun konnte sondern ernst nehmen musste – in allen gesellschaftlichen Schichten. Weil die Bibliothek für Zukunftsfragen, die mit ihren 15.000 Bücher ja das zentrale Vermächtnis Jungks ist, umziehen muss, gibt es zukünftig keinen Platz mehr für Jungks private Bücher in Salzburg. Nun können die Bücher für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und genutzt werden. Es freut mich, dass das gerade in unserer Region möglich ist.

Das Buch ist ja heutzutage fast ein anachronistisches Medium. Welchen Wert hat so eine Bibliothek überhaupt noch?

Anders als früher ist eine Bibliothek sicherlich heute nicht mehr der Ort wo neue Gedanken als erstes entstehen. Mittlerweile spielt sich ja vieles im Internet ab. Trotzdem sind Bücher natürlich keinesfalls obsolet geworden. Ich sehe die Bibliothek als unersetzlichen Schatz. Nicht weil die Bücher darin im Einzelnen einmalig wären. Aber in ihrer Gesamtheit und Zusammenstellung bilden sie etwa 30 Jahre Zukunftsforschen von Jungk ab. Er hat sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigt, ist in die Breite gegangen, hat überall da geguckt, wo sich Umbrüche und Neuerungen abzeichneten, das konnte in so einem Bereich wie Ernährung genauso sein wie in den Neuen Medien. Viele von den Themen sind immer noch aktuell. In der Auswahl ergreift er eindeutig Partei für demokratische Mitbestimmung, für soziale und ökologische Vorsorge und solidarische Lösungen der Fragen des Überlebens der Menschheit. Die Bücher bilden keinen gängigen Kanon ab, das ist nicht das was in durchschnittlichen Haushalten so gelesen wurde. So wird man das nirgends mehr finden.

Bücherkisten bei der Ankunft in Greifswald

Ist die Bibliothek also ein historisches Dokument?

Ja. Aber nicht nur. Das geht weit darüber hinaus. Die Themen Frieden, Umwelt, Energie und weltweite Gerechtigkeit und Entwicklung sind beispielsweise hochaktuell. Wenn es um unsere gemeinsame Zukunft als Menschen auf dieser Erde geht, suchen wir noch immer nach den richtigen Antworten, auf die vielen Probleme, die wir uns selbst geschaffen haben.

Aber ein Buch über regenerative Energien von 1981 dürfte doch mehr als überholt sein.

Ja, wenn es in dem Buch primär um die technischen Lösungen geht. Nicht aber, wenn es darum geht warum es wichtig ist, regenerative Energien zu entwickeln und wie man ihre Nutzung als Regelfall verankern kann. Wenn es also um gesellschaftliche Akzeptanz und aktive Mitgestaltung sowie die daraus folgenden Konsequenzen geht. Um die Ausgangspunkte und Zwischenstationen dieses sozialen Wandels nachzuverfolgen sind die Bücher eine große potentielle Fundgrube. In einigen Punkten haben wir uns heute weit von den ursprünglichen Ideen entfernt. Zum Beispiel war ein wichtiges Ziel bei der Entwicklung von regenerativen Energien immer, eine basisorientierte Struktur zu entwickeln, also Windenergie zum Beispiel möglichst direkt am Ort des Verbrauchs in Form von Bürgerwindparks selbst zu verwalten. Heute gibt es weithin doch eine großindustrielle Struktur in dem Bereich. Oder in der ökologischen Landwirtschaft. Da geht es originär ja nicht nur darum, gesunde Lebensmittel zu produzieren und aktiven Umweltschutz zu betreiben. Sondern auch kleine autarke Kreisläufe zu schaffen, die kleinbäuerlichen Strukturen zu stärken. Davon haben wir uns mittlerweile wieder entfernt. Ich finde es spannend, anhand von Jungks Literatur Bilanz ziehen zu können. Wo sind die Zielsetzungen der ökologischen und sozialen Bewegungen der 1970er und 80er Jahre erreicht, wo nicht.

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Geht es auch darum, mit der Bibliothek ein Zeichen zu setzen, seine Arbeit weiterzuführen?

So nicht direkt. Es ist uns schon ein Anliegen weiterzugeben was er gemacht hat, aber eher in dem Sinne, im schnellen Wandel der Zeit ein bisschen Orientierung zu verschaffen, die bei Entscheidungen helfen kann. Jede Generation muss ihre eigene Wege und Themen finden. So sind heute beispielsweise die wirtschaftlichen, technischen und sozialen Wechselwirkungen, mit denen wir uns im Alltag konfrontiert sehen, viel globaler geworden, als sie es zu Jungks Zeit gewesen sind. Darum kommt es also verstärkt auf Zukunftswege und Lösungsansätze an, die in der Lage sind, Mindestansprüchen an eine globale Gerechtigkeit zu genügen. Trotzdem geht es im Kern vielfach noch immer um dieselben Fragen.

Und mit Jungks Namen sind so wesentliche Anstöße verbunden dass es ein Verlust für unsere Gesellschaft wäre, diese zu vergessen. In diesem Sinne finde ich es wichtig sich selbst als Teil der Geschichte zu sehen und zu achten, was Menschen vor einem gemacht haben. Wir haben jetzt mit Greifswald einen Standort für die Bücher, wo viele der Fragen die von Jungk aufgegriffen wurden, neu diskutiert werden. Ein Beispiel ist die Atomkraft. Wir haben hier ein Zwischenlager vor der Nase, es geht um den Rückbau der Atomkraftwerke und wir haben mit Polen und Schweden europäische Nachbarstaaten, die Atomkraft weiter nutzen und ausbauen wollen. Das Thema ist noch lange nicht beendet.

Du hattest ja schon einmal in deinem Leben einen Anknüpfungspunkt mit Jungk.

Ja, ich habe 1994 mit vielen anderen das Umweltfestival Auftakt in Magdeburg organisiert. Wir hatten Jungk angefragt ob er sich vorstellen könnte Schirmherr zu sein. Er sagte zu und bei einer Rede anlässlich seines 80. Geburtstags dann sogar, dass er das Angebot als „Erfüllung eines persönlichen Traum“, als das „schönste Geschenk“ zu seinem runden Geburtstag sehe. Leider hat er kurz vor dem Festival dann einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich nie wieder richtig erholt hat und ist dann auch 1994 im Juli gestorben.

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Guppenbild mit Robert Jungk – rechts Thomas Schmidt

Wie war das Zusammentreffen mit den Mitarbeitern der Stiftung in Salzburg?

Walter Spielmann, der Geschäftsführer der Jungk Stiftung hat uns herzlich empfangen. Er hat sich Zeit für Gedankenaustausch genommen und dafür ein paar Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel hat er uns vorgewarnt, dass es bei vielen Büchern schwierig werden wird, die bibliographischen Angaben herauszufinden. Jungk hatte wohl die Angewohnheit auf seinen weiten Reisen in der Bahn die Titelblätter der Bücher herauszureißen und seinen Mitreisenden als Leseempfehlung in die Hand zu drücken.

Ich war überrascht dass Jungk so einen spartanischen Arbeitsplatz in seiner Dachkammer hatte. Dort stapelten sich die Bücher jetzt ohne sichtbare Ordnung und Sortierung an den Wänden hoch. Ich finde es bemerkenswert, mit welch einfacher Arbeitsgrundlage es ihm gelungen ist, eine vergleichsweise große Wirkung zu erzeugen.

Jungks Bescheidenheit ist immer noch in Salzburg an seiner Wirkungsstätte spürbar. Er hat immer darauf gesetzt, die Menschen durch Inhalte zu überzeugen.